Jahresfenster

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Ein ganzes Jahr ist vergangen und mein Blog hat geruht, nur nicht mein kleines Stück vom Himmel. Und es hat sehr viel gesehen, jeden Morgen habe ich mit meinem Pott Kaffee (dem unausweichlichen) dort gesessen und durch das Fenster in mein kleines Stück vom Himmel geschaut und mich gefragt, was der neue Tag bringen wird. Mein Stück vom Himmel hat  wirklich viel mit ansehen müssen, Traurigkeit und  Freude, Schmerzen und Panikattacken, Ratlosigkeit als auch Entschlussfreudigkeit. Es ist ein sehr geduldiges Stück vom Himmel…es hat sich nie beschwert – nein, es hat mich eher getröstet mit herrlichen Sonnenaufgängen, wunderschönen Wolkenformationen, zwitschernden vorüberfliegenden Vögeln; und wenn es trüb, stürmisch, kalt und regnerisch war, hat es mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht dort draußen sein muss und es wirklich richtig gut habe, weil ich im Warmen und Trockenen sitzen darf mit meinem Pott Kaffee.

Heute morgen als ich wieder in mein kleines Stück vom Himmel blickte, ziemlich miserabel gelaunt und von rasenden Kopfschmerzen geplagt, da ich die Nacht mit Schlaflosigkeit und schweren Gedanken verbracht hatte,  da fiel mir ein, dass ich doch mal alles wieder loswerden müsste, aufschreiben was alles passiert ist in diesem Jahr, alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Die guten und die schlechten Ereignisse…

Wir hatten ein Schaltjahr, dem man ja so manches nachsagt, dass es Krankheit bringt, dass es schlechte Ernten bringt…ich persönlich denke aber, dass jedes andere beliebige Jahr ebenso schlecht oder gut sein kann wie ein Schaltjahr. Es kommt eben nur auf die Perspektive an mit der man es betrachtet. Oder auf die innere Einstellung. Wenn sie negativ ist, dann sehen wir nur die schlechten Dinge und Ereignisse und vergessen, was uns auch an Positivem widerfahren ist.

Für meine Familie und mich war es ein sehr bewegtes Jahr, positiv und negativ gleichermaßen. Es begann eigentlich schon im Dezember 2015, als wir einen schweren Entschluss fassen und unseren Großvater in ein Pflegeheim bringen mussten, da er wegen seiner Demenzerkrankung, die sich so drastisch verschlechtert hatte, nicht mehr allein in seiner Wohnung bleiben konnte und wir die pflegerischen Maßnahmen rund um die Uhr nicht hätten abdecken können. Ich kam mir so schlecht und gemein vor, ihm eine Harzrundfahrt vorzugaukeln und ihn dann im Heim abzusetzen, auch wenn ich wusste dass es anderes nicht funktioniert hätte und dass es wirklich das Beste für ihn war, was wir tun konnten. Wir hatten einige Jahre unser Menschenmöglichstes getan, um zu gewährleisten, dass er in seiner gewohnten Umgebung bleiben konnte, aber nun ging es einfach nicht mehr.

Dann mussten wir seine Wohnung auflösen…das Gefühl, in den persönlichen Sachen eines anderen ohne dessen Wissen herum zu wühlen, Dinge auszusortieren, die demjenigen einmal lieb und teuer und sein Lebensinhalt waren, kann man nicht beschreiben. Es widerstrebt dir das zu tun, aber du weißt genau, du musst es tun und du kannst es nicht verhindern. Du fühlst dich wieder schlecht und gemein und hinterhältig, obwohl du genau weißt, dass dein Vater all diese Dinge nie wieder brauchen wird und dass er sich nie wieder daran erinnern wird…und trotzdem fühlst du dich in diesem Moment wie ein schlechter Mensch.

Ende März wurde plötzlich meine Mutter sehr krank, Schmerzen im ganzen Körper, die Hände, Füße und Knie geschwollen. Von einem Tag auf den anderen konnte sie sich nicht mehr bewegen, kam die Treppe kaum noch hoch, konnte sich nicht mehr allein an- und ausziehen. Die Ärzte wussten keinen Rat, der eine sagte Rheuma, der andere sagte Knochenkrebs…es  brach erst mal eine Welt zusammen. Nach drei Monaten mit Medikamenten wie Prednisolon und Schmerzmitteln ging es wieder bergauf, man einigte sich auf Rheuma…und wir nutzten diese schmerzfreie Zeit um den Sommer zu durchwandern.

Ja, es war ein durchwanderter Sommer mit wunderschönen Momenten, wir entdeckten unsere Heimat wieder neu. Entdeckten Plätze und Orte, die, obwohl sie so nah waren, wir noch nie gesehen hatten. Wir wanderten zu zweit, zu dritt, zu viert, nahmen unsere liebe Nachbarin mit. Es war wunderschön. Wunderschön diese Ruhe der Natur zu genießen, die Sonne und den Regen auf der Haut zu spüren, Berge zu ersteigen, über uns selbst hinaus zu wachsen. Kilometerweit zu laufen bis fast ans Ende unserer physischen Kräfte und im Inneren gestärkt zu sein durch das, was wir geschafft hatten. Den Stimmen des Waldes zu lauschen und alles um sich herum zu vergessen ist unbezahlbar.Unbezahlbar auch, eine einfache Stulle auf die Faust in der freien Natur zu essen, eine Quelle zu entdecken und das köstliche Nass daraus zu trinken. Unvergesslich auch die Momente, wenn wir uns verlaufen hatten und etliche Kilometer zurücklaufen mussten, dabei aber die schönsten Landschaften entdeckten.

Ende September/Anfang Oktober durfte ich einen traumhaften Urlaub mit meiner Mutter auf der Insel Rügen genießen. Eine Woche mit strahlendem Sonnenschein am Strand, jeden Tag Sammeln von Glasscherben, Muscheln und Steinen und sogar noch ein Bad in der Ostsee. Und eine zweite Woche, in der wir eine starke Sturmflut miterleben durften. Unbeschreiblich die Bilden unserer Natur, die auch so zerstörerisch wirken können wie bei dieser Sturmflut.

So wie das Leben ein ständiges Auf und Ab ist, so war  auch diese Jahr ein ständiges Auf und Ab. Meine Mutter hat wieder Schmerzen, unser Opa erkennt niemanden mehr und lag vor drei Wochen noch fast im Sterben. Meine Nerven sind manchmal sehr strapaziert und ich fühle mich oft am Ende meiner Kräfte.Aber ich schaue weiter jeden Tag durch das Fenster in mein kleines Stück vom Himmel und weiß, dass es immer wieder ein Auf und Ab gibt. Und wenn man vielleicht gerade wieder ganz unten ist, dann ist das nicht immerwährend. Es geht auch wieder bergauf. Ganz bestimmt!

In diesem Sinne wünsche ich allen eine Frohe Weihnachtszeit und für das Neue Jahr ein ausgewogenes und erträgliches Maß von Auf und Ab.

Glück auf!

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Glück auf!

Vor einigen Monaten besuchten wir das Besucherbergwerk „Drei Kronen & Ehrt“ in Elbingerode welches inzwischen  leider geschlossen wurde. Es war sehr interessant, mit der Grubenbahn in den Schacht hinein zu fahren und anschaulich erzählt und demonstriert zu bekommen, wie der Bergbau über Jahrhunderte praktiziert wurde und unter welchen Bedingungen die Bergleute arbeiten mussten und auch heute noch in vielen Ländern arbeiten müssen. Trotz heutzutage modernerer Geräte ist die Arbeit eines Bergmannes eine sehr harte und anstrengende Tätigkeit, ganz zu schweigen von all den Gefahren die im Inneren des Bergwerkes lauern. Neben uns standen noch viele andere Besucher des Schaubergwerkes und ich hörte größtenteils staunende und anerkennende Kommentare. Doch ein Kommentar entsetzte mich so sehr, dass ich nicht an mich halten konnte. So hörte ich eine Dame mit sichtlich gespitzten Lippen sagen “ Also nein, so ein Bergwerksbesuch ist doch nichts für mich, all dieser Dreck und Schlamm und dann auch noch so laut, da gehe ich doch lieber in eine Galerie oder in ein Konzert, da kann ich mir schöngeistigere Dinge ansehen.“

„Hallo gute Frau!“ sagte ich, „Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass Sie und wir alle hier Ihre so gepriesenen Galerien und Konzerte und alles andere an schönen Sachen und den Dingen des täglichen Gebrauchs überhaupt dem Bergbau und den Bergleuten, die unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet haben und noch heute überall auf der Welt arbeiten müssen, zu verdanken haben? Ohne die Rohstoffe, die diese Bergleute aus dem Schacht holen, gäbe es keinen Stahl, keine Kohle, keine Baustoffe wie Zement oder Kalk. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass all diese Dinge, die Sie tagtäglich konsumieren, nur deshalb hergestellt werden können, weil es den Bergbau gibt und weil sich tagein tagaus Bergleute in Gefahr begeben, unter Tage arbeiten, nur damit wir alle uns diesen ganzen Luxus leisten können? Wenn es Ihnen hier zu dreckig ist, dann putzen Sie doch nachher schön Ihre teuren Lederschuhe und stecken die beschmutze Hose in die Waschmaschine, aber denken Sie bitte dabei daran, dass der Schuster seine Werkzeuge, wie zum Beispiel die Ahle, auch aus einem Material hat, welches einst aus dem Berg gewonnen wurde und dass Ihre Waschmaschinentrommel aus Edelstahl hergestellt wurde, welcher einst Eisenerz war. Und der Strom den Sie dafür benutzen, um Ihre Wäsche zu waschen, womöglich auch Strom enthält, der durch die Gewinnung von Kohle erzeugt wurde. Und dann denken Sie bitte auch darüber nach, wie viele Bergleute schon Ihr Leben unter Tage gelassen haben, nur damit Sie und wir alle hier im Luxus und Überfluss leben können.“ Die entsprechende Dame hat dazu nicht mehr viel gesagt (jedenfalls nichts wirklich Intelligentes) … sicher ist sie eine von der Sorte Mensch gewesen, bei denen, wie man so schön sagt, der Strom aus der Steckdose kommt…

***

Die Heilige Barbara ist Schutzpatronin der Geologen, Helferin gegen Blitz und Feuer, ebenso der Glöckner, Architekten, der Gefangenen, der Sterbenden und der Schlesier, der Artillerie, des Technischen Hilfswerks und nicht zuletzt auch die Schutzpatronin der Bergleute und gehört zu den vierzehn Nothelfern.

Alljährlich, nun schon seit 10 Jahren, findet bei uns in Bad Suderode die einzige Harzer Bergparade, beginnend mit einer bergmännischen Weihnachtsandacht, statt. Wenn dann zu Beginn des Gottesdienstes die Heilige Barbara von den Bergleuten feierlich in die Kirche getragen und vor dem Altar aufgestellt wird, die Gemeinde sich ehrfurchtsvoll erhebt, so ist das ein sehr ergreifender Moment. Wir alle sollten dann dafür danken, dass es diese unsere Bergleute gibt, die unter Tage schwere Arbeit unter Einsatz ihres Lebens leisten, damit wir unseren Wohlstand genießen können. Und wenn der Gottesdienst vorbei ist und anschließend die bergmännische Aufwartung stattfindet und gemeinsam das alte Bergmannslied „Glück auf, der Steiger kommt“ gesungen wird, dann stehen mir meist vor Rührung die Tränen in den Augen. Und ich wünsche mir dieses Mal, dass die Dame, die so abfällig über die wunderbare Arbeit der Bergleute urteilte, eines Tages in sich gehen möge. Und ich wünsche mir, dass die Heilige Barbara als Schutzpatronin immer über unsere Bergleute wachen möge. In diesem Sinne, lasst das Licht der Weihnacht in unsere Herzen und es hell erleuchten und allen ein von ganzem Herzen kommendes „Glück auf!“

                                                                       ***

Das Steigerlied

Glück auf, Glück auf ! Der Steiger kommt,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht,
und er hat sein helles Licht bei der Nacht
schon angezündt, schon angezündt.

Hat’s angezündt, ´s wirft seinen Schein,
und damit so fahren wir bei der Nacht,
und damit so fahren wir bei der Nacht
ins Bergwerk ein, ins Bergwerk ein.

Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut‘ sein,
die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht,
die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht
aus Felsgestein, aus Felsgestein.

Der eine gräbt das Silber, der andere gräbt das Gold.
Und dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht,
und dem schwarzbraunen Mägdelein bei der Nacht
dem sein sie hold, dem sein sie hold.

Ade, Ade! Herzliebste mein!
Und da drunten in dem tiefen, finstren Schacht bei der Nacht,
und da drunten in dem tiefen, finstren Schacht bei der Nacht,
da denk ich dein, da denk ich dein.

Und kehr‘ ich heim zur Liebsten mein,
dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht:
dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht:
Glück auf, Glück auf !!! Glück auf,  Glück auf !

Eine weitere überlieferte Strophe lautet:

Wir Bergleut‘ sein, kreuzbrave Leut‘,
denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht,
denn wir tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht
und saufen Schnaps, und saufen Schnaps!

Nach dieser Strophe wird meist angestoßen und ein alkoholisches Getränk zu sich genommen.

Stiller Teich

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Stiller Teich

Im Waldesinnern tief verborgen
Dort hab ich ihn gefunden.
Er heilte alle meine Sorgen
Einsamer und schwerer Stunden.
          
Seine Wasser klar und rein,
Und Stille ringsumher.
Fing er die gold'ne Sonne ein,
Doch war da noch viel mehr.
          
Bäume und Sträucher an dem Rand
Spiegelten klar sich wider.
Als ich an seinem Ufer stand,
Sah auch ich selbst mich wieder.
            
Als würd' er unergründlich sein
Wie eines Menschen Herz;
Friede hüllte meine Seele ein,
Nur Freude noch, nicht Leid und Schmerz.
           
So ging ich denn beglücket heim,
Im Herzen voller Zuversicht.
Dankte dem Schöpfer ganz allein
Für das was er mir gab an Licht.
            ***

Copyright by Silke Uhlmann/November 2015



Wie die Knullbäume entstanden

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Wie die Knullbäume entstanden…

Vor einigen Jahren ging ich mit meinen beiden Töchtern im Wald Pilze suchen, als meine Älteste, etwa 7 Jahre alt, mich fragte was das dort für Knullbäume seien. „Knullbäume? Was für Knullbäume?“ fragte ich zurück. „Ja, guck‘ mal an den Bäumen sind ganz viele Knullen dran, wo kommen die her?“ Und meine Jüngste, fünf Jahre alt, fing nun auch an „Oh da sind Knullen, ganz viele Knullen, warum haben die Bäume Knullen? – Hoppla…ich war mal wieder in Erklärungsnöten und musste erst einmal scharf nachdenken, wie ich das nun wieder erkläre, da mir meine beiden kleinen Mädchen öfter so schwierige Fragen stellten. Schon allein das Wort Knullen amüsierte mich köstlich und ich musste mich zusammenreißen, nicht zu lachen, hatten sie doch eine wirklich ernsthafte und wichtige Frage gestellt. Also versuchte ich ihnen zu erklären, dass diese „Knullen“ Verwachsungen an den Bäumen sind, die entstehen, wenn ein Ast abbricht und sich an dieser Stelle neue Rinde bildet, um den Baum zu schützen, damit er noch viele Jahre weiter leben kann. Einen Begriff für diese Art von huckeliger Verwachsung fand ich natürlich nicht sofort, also blieben wir bei den Knullen. Nachdem ich ihnen kindgerecht die Entstehung solcher „Knullen“ erklärt hatte, fiel mir jedoch spontan eine Geschichte dazu ein. Und die war wie folgt:

Vor langer, langer Zeit, als es noch Zwerge, Gnome, Elfen, Hexen, Kräutermännlein, Kobolde und Zauberer in den Harzwäldern gab, lebten auch die zwei Zwerge Horkelig und Porkelig und die Kräutermännlein Knullrich und Knillrich friedlich in kleinen Höhlen unter den moosbewachsenen knorrigen Wurzeln der riesengroßen Eichen, Buchen und Tannen, die man hier überall im Harz finden kann.

Horkelig und Porkelig waren Mooszwerge, das heißt dass sie dafür zuständig waren, das Moos im Wald immer schön sauber zu harken und es reichlich zu gießen, damit es niemals austrocknete und immer schön grün und weich blieb. Denn unter dem Moos lebte allerlei kleines Getier, wie Schnecken und Würmlein, die der Feuchtigkeit und dem Schutze des Mooses bedurften. Knullrich und Knillrich, die beiden Kräutermännlein, hatten die Aufgabe, alle Kräuter im Wald zu hegen und zu pflegen. Das hieß, sie mussten sie gießen, den Boden locker hacken und im Herbst die Samen einsammeln, um neue Kräuter im Frühling auszusäen.

Sehr schön waren unsere vier kleinen Waldwesen nicht anzusehen. So sahen Horkelig und Porkelig so aus, wie ihr Name es schon sagte, denn horkelig und porkelig runzlig war ihre Haut. Knullrich und Knillrich waren knubbelig knullig und knibbelig knullerich. Kurz und gut, sie sahen etwas hässlich aus, aber sie waren sehr fleißige Waldgeister und mussten, um ihr Moos und ihre Kräuter zu wässern, jeden Tag hundert und unzählige Male zu einer Quelle laufen um ihre winzigen Gießkännchen wieder aufzufüllen. Die Quelle befand sich neben einer wunderschönen Waldlichtung, auf der viele verschiedene Gräser und die schönsten und wohlriechendsten Wald- und Wiesenblumen in Hülle und Fülle wuchsen. Diese Waldlichtung und die Quelle gehörten der bezaubernden Elfe Ehrenpreislein. In himmelblauem Gewand mit himmelblauen in der Sonne glitzernden Flügelchen schwebte sie tagaus tagein über den duftenden Blümchen und ernährte sich von deren Nektar und von Honigtau. Vor ihrer Quelle aber wohnte die dicke hässliche Kröte Warzewurz und ließ sich von dem sprudelnden Wasser des Quells berieseln. Eigentlich hatte Ehrenpreislein die Kröte als Wächter für die Quelle bestimmt, damit niemand sie verunreinigen möge. Die Kröte Warzewurz  aber war ein gar ziemlich bequemes und meist schlechtgelauntes Wesen und war so faul, dass sie einfach auf dieser einen Stelle sitzen blieb und nur von Zeit zu Zeit nach ein paar Mücken oder Fliegen, die gerade vorüberflogen, mit ihrer klebrigen Krötenzunge schnappte, um sie aufzufressen und dabei natürlich noch dicker und fauler zu werden. Warzewurz wurde deshalb immer dicker und größer und versperrte dadurch fast vollständig den Zugang zur Quelle. Und sie ärgerte sich jedes Mal, wenn Horkelig, Porkelig, Knullrich und Knillrich kamen um Wasser zu schöpfen, denn dann musste sie einen ihrer dicken Krötenschenkel zur Seite ziehen, nur damit diese Winzlinge ihre noch winzigeren Gießkännchen füllen konnten. Eine Zeitlang ließ sie sich das auch ärgerlich quakend gefallen, doch dann ersann sie eines Tages einen hinterlistigen Plan. Der Elfe Ehrenpreislein war das garstige Benehmen von Warzewurz natürlich nicht entgangen und so gab sie Acht, dass Horkelig, Porkelig, Knullrich und Knillrich immer zu ihrem Wasser kamen, indem sie immer wenn die vier zur Quelle kamen, kurz vorüber huschte und nachsah ob Warzewurz sie auch wirklich hindurch ließ. Wenn Warzewurz ihren dicken Krötenschenkel nicht beiseite ziehen wollte, dann drohte Ehrenpreislein ihr mit ihrem silbernen Zauberstab.

Also wie gesagt, Warzewurz hatte sich einen Plan ausgedacht, damit sie nicht mehr Platz machen musste. Als an einem nebligen Morgen die vier kleinen Wasserholer kamen, sprach die Kröte sie an und quakte: „Schaut doch einmal nach oben, seht ihr diese große schwarze Wolke dort? Sie wird gleich platzen und ihr braucht eure Gießkannen nicht mehr füllen, euer Moos und eure Kräuter brauchen dann erst mal kein Wasser.“ Gutgläubig schauten Horkelig, Porkelig, Knullrich und Knillrich nach oben in den Himmel, aber in dem Moment als sie nach der vermeintlichen Wolke Ausschau hielten, schnellte die klebrige Krötenzunge von Warzewurz hervor und schlurz schlurz schlurz und nochmal schlurz hatte sie die Gießkännchen mit ihrer klebrigen Zunge in das Krötenmaul gezogen und hinuntergeschluckt.

Natürlich war gar keine einzige Wolke am Himmel und als die vier Zwerglein wieder nach unten schauten, mussten sie mit Schrecken feststellen, dass ihre Gießkännchen verschwunden waren. Ehrenpreislein hatte auch nicht gesehen, was mit den Gießkännchen passiert war, hatte sie doch auch im Vorüberhuschen in den Himmel geschaut, weil sie Bange hatte vor einem starken Regenguss, der ihre Blümlein hätte ertränken können. Zuerst weinten unsere vier kleinen Waldwesen über den Verlust ihrer so wichtigen Gießkannen. Denn ohne sie würde das Moos vertrocknen und die Kräuter würden alle eingehen. Doch dann fingen sie an zu zanken miteinander und ein jeder beschuldigte den anderen, die Gießkannen versteckt zu haben. Horkelig behauptete, dass Knillrich ihm die Kanne gestohlen hätte, während er, Horkelig, in den Himmel geschaut hätte. Knillrich behauptete wiederum, dass Porkelig es getan hätte. Porkelig klagte, dass Knullrich es gewesen sei. Und Knullrich gab Horkelig die Schuld. Sie zankten so sehr, dass sie sich gegenseitig an den Haaren und an den Ohren zogen und einer dem anderen vor das Schienbein trat. Umsonst versuchte die Elfe Ehrenpreislein den Streit zu schlichten; nein sie stritten weiter und balgten sich alle vier und schrien sich gegenseitig an. Warzewurz fand es lustig, dass ihr Plan aufgegangen war und sie musste darüber so lachen, dass ihr ganzer warziger dicker Krötenbauch anfing zu wackeln. Und als der Bauch so wackelte vom Lachen über ihren gemeinen Streich, da fingen die Gießkännchen in ihrem Bauch an zu scheppern und zu klappern und Warzewurz wurde es ganz übel zumute. Und auf einmal machte es Hicks! Da polterten die vier Gießkännchen aus ihrem Krötenmaul. Als Ehrenpreislein das sah, wurde sie sehr wütend; und wütend werden Elfen wirklich sehr selten. Sie war so wütend über die Kröte Warzewurz, dass sie ihren Zauberstab benutze und sie in ein knorriges Stück Holz verwandelte, dann benutzte sie noch einmal ihren Zauberstab und Horkeligs und Porkeligs Horkeln und Porkeln verschwanden und Knullrichs und Knillrichs Knullen und Knillen verschwanden ebenfalls. Das knorrige Stück Holz aber wurde immer knulliger und knibbliger und bekam Horkeln und Porkeln. Ein drittes Mal schwang Ehrenpreislein ihren Zauberstab und siehe da, das knorrige Stück Holz, welches einst eine faule, schlechtgelaunte und zudem hinterlistige und gemeine Kröte gewesen war, zersprang mit großer Wucht in tausende von knorrigen knulligen Holzstücken, die so weit flogen, dass sie an den Bäumen des Harzwaldes hängenblieben und mit ihnen verwuchsen. Seit diesem Tage gibt es Knullbäume mit Knullen in unseren Wäldern.

Was aus Horkelig, Porkelig, Knullrich und Knillrich geworden ist? Nun, sie haben ihre Gießkännchen wieder an sich genommen und weiter fleißig das Moos und die Kräuter gegossen. Ihre Namen haben sie trotzdem behalten, auch wenn sie nun nicht mehr so hässlich waren. Aber sie lassen sich sehr, sehr selten sehen. Doch wenn du sehr still und leise ganz früh an einem Sommermorgen, wenn noch der Tau auf den Blättern liegt, durch den Harzwald gehst, dann findest du vielleicht die Lichtung im Wald mit der Quelle. Und wenn Nebelschwaden leise über die Lichtung schweben und erste Sonnenstrahlen beginnen den Morgentau zu trocknen, dann kannst du vielleicht auch die Elfe Ehrenpreislein erblicken. Und wenn du von der Quelle voller Dankbarkeit trinkst, dann kann es sein, dass Horkelig, Porkelig, Knullrich und Knillrich neben dir mit ihren Gießkännchen stehen und warten bis du deinen Durst gestillt hast.

 

Nachsatz: Die Fantasiewörter Knullen und Knullbäume haben sich übrigens in unserer Familie hartnäckig gehalten…ebenso die Bezeichnung „Dill“ für einen Küchenschneebesen – aber das ist eine andere Geschichte.

Copyright by Silke Uhlmann/17.11.2015

Traum von einer besseren Welt

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Traum von einer besseren Welt

In der letzten Nacht

Bin ich aus tiefem Schlaf erwacht

Ich hatte geträumt von einer besseren Welt,

Friedvoll von sanftem Licht erhellt.

Dort gab es weder Angst noch Not,

Ein jeder hatte sein täglich Brot;

Niemand kämpfte mehr gegeneinander

Und alle Menschen liebten einander.

Ihren Gefühlen gaben sie freien Lauf;

Niemand gab dem anderen Rätsel auf.

Ein Jeder konnte den Anderen verstehen,

Freien Gewissens in die Augen sehen.

Befreit war die Welt von Krieg und Lügen,

Es gab kein gegenseitiges Betrügen.

Man hatte wieder für einander Zeit,

Die Herzen aller Menschen offen und weit.

Mein Herz und Seele erfüllt mit Freude und Kraft;

Und ich meinte es ist nun endlich geschafft,

Dass alle Menschen sich achten und lieben –

Doch leider ist es nur ein Traum geblieben.

copyright by Silke Uhlmann 1994

Der Zwerg Griesgram

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Der Zwerg Griesgram

In den tiefen Wäldern des Harzes lebte einst ein schrulliger Zwerg namens Griesgram, in einer verborgenen Höhle. Dort bewachte er mit Eifer seine großen und wertvollen Schätze, das Marienglas, den  Sonnenschein, den Regen .Und wie jeder andere Zwerg auch besaß Griesgram Zauberkräfte, konnte Wünsche erfüllen, sich unsichtbar machen und zaubern. Jedem, der seiner Höhle und seinen Schätzen jedoch zu nahe kam, stellte er gemeine Fallen, damit niemand an seine Schätze herankommen konnte. Er ließ Efeuranken wuchern, in denen man sich mit den Füßen verhedderte und schließlich auf die Nase fiel. Oder er zauberte knorrige Wurzeln aus dem Waldboden hervor, über die man stolperte und  zu Fall kam und sich die Knie aufschlug. Auch ließ er dichte stachlige Brombeerhecken wachsen, in denen man sich verfing und nur mit sehr viel Glück unverletzt wieder herauskam.

Es wurde sehr viel gemunkelt über die großen Schätze, die der Zwerg Griesgram bewachte und viele hatten schon versucht seine Höhle zu finden und sich der Schätze zu bemächtigen, waren jedoch immer erfolglos heimgekehrt mit Kratzern und Schürfwunden und zerrissenen Kleidern. Dazu muss man wissen, dass diese Schätze wirklich sehr wertvoll waren, denn mit dem Marienglas konnte man viele Krankheiten heilen, den Sonnenschein und den Regen brauchte man zur rechten Zeit, damit was auf den Feldern bestellt wurde, auch recht gut wachsen und man eine gute Ernte einfahren konnte. Weil aber der griesgrämige Zwerg darüber wachte und darüber entschied wie er gerade gelaunt war, wann er einem Kranken Marienglas zukommen ließ, damit derjenige gesundete oder wann er es regnen oder die Sonne scheinen ließ, war so alles ziemlich durcheinander.  Er war nämlich ein sehr gemeiner und launischer Zwerg und hatte seine wahre Freude daran, wenn die Böden schon alle wasserdurchtränkt waren, es auch noch zusätzlich ordentlich regnen zu lassen. Nach volltanem Werk hüpfte er vor Freude in den Pfützen und im Matsch herum und freute sich, wenn die Menschen im Matsch ausrutschten.  Und wenn alles fast am Verdorren war, dann ließ er extra die Sonne vom Himmel brennen und freute sich, wenn die Getreidefelder Feuer fingen und die  ganze wertvolle Ernte vernichtet wurde.  Er tanzte um die brennenden Felder herum und war so richtig froh,  wenn alles in Flammen stand und die Menschen über den großen Verlust weinten. So kam es über die vielen Jahre, in denen Griesgram über diese Schätze herrschte, dass viele Menschen krank wurden und weil die Ernten immer kärglicher ausfielen, eine große Hungersnot über das Land zog. Eine tiefe Traurigkeit stellte sich bei den Menschen  ein, denn ohne das Marienglas konnten sie nicht mehr fröhlich sein, ihre Kräfte schwanden, Mut und Tatkraft verließen sie.

Weil die Menschen nun nicht viel zu essen hatten, schickten sie des Öfteren ihre Kinder in den Wald dass sie  Pilze und Beeren sammeln sollten, um nicht gänzlich verhungern zu müssen. Denn im Wald wuchs und blühte alles rundum in Hülle und Fülle, und man wusste zu berichten  dass der böse Zwerg Griesgram den Kindern nie etwas antat wenn sie seinen Wald aufsuchten. Im Gegenteil, wenn sie ihm begegneten, so hieß es,  ließe er sie sich etwas wünschen. Weil aber die Kinder große Angst vor dem Zwerg bekamen, da er so schrecklich hässlich aussah mit seinen großen rollenden bösen Augen und den vielen Geizfalten im Gesicht und der neidgelben Hautfarbe, liefen sie immer erschreckt und voller Grausen davon.

Anfangs ärgerte sich der Zwerg sehr darüber, dass die Kinder vor ihm davonliefen und er wurde deshalb immer griesgrämiger, denn er war eigentlich allein und irgendwie machte es ihm auch gar nicht mehr so rechte Freude, die Menschen zu ärgern. Er tat es nur so aus alter Gewohnheit, aber der Spaß daran war ihm irgendwie abhanden gekommen. Ja er wurde nicht nur noch griesgrämiger, er wurde sogar traurig, so traurig, dass er an manchen Tagen sogar vergaß, seine teuren Schätze zu bewachen.

An solch einem Tag saß er wieder einmal niedergeschlagen auf einem knorrigen Baumstumpf und starrte Löcher in die Luft, vor lauter Traurigkeit sah er nicht einmal mehr all die schönen Dinge um sich herum. Er sah nicht die bunten Blumen, all die schönen Waldgräser, die hochgewachsenen Bäume, durch deren Baumkronen der herrlich blaue Himmel zu sehen war und die Sonne ihre wärmenden Strahlen schickte. Und er hörte auch nicht den lieblichen Gesang der Waldvögel. Alles um ihn herum schien nur grau, braun und schwarz zu sein. Er war so sehr in seine unerklärliche Trauer versunken, sodass er nicht einmal bemerkte, dass ein blondes kleines Mädchen schon eine ganze Weile vor ihm stand und ihn mitleidig betrachtete. Es war in den Wald gekommen um Beeren und Pilze für ihre Familie zu sammeln und ihr Körbchen war auch schon reichlich gefüllt. Und wie er so weiter Löcher in die Luft starrte und sie nicht zur Kenntnis nahm, da hielt das Mädchen es nicht mehr aus und sprach den Zwerg an: „Warum schaust du so traurig aus, sieh doch nur all diesen Reichtum um dich herum, diese wunderschönen Blumen, die Vöglein die so lieblich singen und schau nur, wie strahlend blau der Himmel ist und wie wunderschön warm die Sonne auf dich scheint.“

Ach wie war der Zwerg Griesgram da plötzlich erschrocken, noch nie hatte eine Menschenseele ihn angesprochen. Vor Schreck wäre er fast von seinem Baumstumpf gefallen. Doch dann fasste er sich wieder und sagte: Ich glaube ich bin so traurig, weil ich schon so viele Jahre lang meinen Schatz bewachen muss und weil ich die Menschen ärgern muss, deshalb habe ich gar keine Zeit mir all die schönen Dinge anzusehen. Und eigentlich bin ich so allein, niemand spricht mit mir, nicht einmal die Tiere des Waldes wollen mit mir zu tun haben. Und alle schimpfen mich nur den bösen Griesgram“

Daraufhin fragte ihn das Mädchen: „Warum gibst du denn deinen Schatz nicht einfach auf, was nützt es dir denn, wenn du immerzu darauf Acht geben musst, dass ihn dir niemand fort nimmt?“

„Oh,“ antwortete Griesgram, „du weißt ja gar nicht wie wertvoll dieser Schatz ist, er besteht aus drei Dingen: dem Sonnenschein, dem Regen und dem heilenden Marienglas. ich kann es regnen lassen und ich kann die Sonne scheinen lassen, wann immer ich will und ich kann alles heilen, wenn ich es möchte.“

„Aber warum behältst du denn diese Schätze für dich allein?“ entgegnete das kleine Mädchen, „Wie du siehst, bist du über all die Jahre traurig geworden, du siehst krank aus, deine Haut ist gelb geworden, dein Augen blitzen böse und du hast überall Geizfalten. Und auf deiner Stirn haben sich die tiefen Furchen von Gram eingegraben. Das ist wahrlich kein schöner Anblick. Und du ärgerst die Menschen, indem du sie hungern lässt, weil du Ihre Felder verdorren oder versumpfen lässt. Und du gibst ihnen nichts von deinem Marienglas, sodass sie alle krank und schwermütig geworden sind. Warum teilst du nicht einfach deine Schätze mit den Menschen? Du könntest dich daran freuen, wenn sie wieder ihre Felder bestellen  und abernten können und wenn sie wieder lachen können und du könntest viele kranke Menschen heilen mit dem kostbaren Schatz und sie wären dir auf alle Zeiten dankbar dafür.“

Der griesgrämige Zwerg Griesgram wurde jetzt sehr nachdenklich, was hatte er all die vielen Jahre nur angestellt? Dankbarkeit? Freude? Wann hatte er davon zum letzten Mal gehört oder sie empfunden? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern und sah nun noch trauriger aus, ja ihm kullerten plötzlich riesengroße Krokodilstränen aus den Augen, und mit jeder Träne, die er vergoss, wich die Boshaftigkeit aus seinen Augen und sie schauten immer liebevoller aus, seine tiefen Geizfalten verschwanden. Und er sprach: „Sieh du kleines Mädchen, du hast mich das erste Mal in meinem Leben zum Weinen gebracht, dafür schenke ich dir den Sonnenschein und den Regen und diesen großen Berg voller Marienglas über meiner Höhle. Bring es den Menschen und verteile es gut unter ihnen, mögen sie allezeit fröhlich, stark und gesund sein.“ Dabei weinte Griesgram immer weiter und weiter, er wurde immer kleiner und kleiner, obwohl ein Zwerg ja schon an sich sehr klein ist. Er wurde so klein und winzig, bis er plötzlich völlig verschwunden war. An der Stelle wo er auf dem Baumstumpf gesessen hatte, entsprang nun ein salziger Quell, der alle Menschen heilte, wenn sie davon tranken. Das Mädchen nahm Sonnenschein und Regen mit und ging sorgsam damit um und verteilte beides gut übers Jahr, sodass die Felder wieder grünten und die Menschen eine reiche Ernte im Herbst einfahren konnten. Und das Marienglas? Davon bekam jeder ein kleines Stückchen und wenn man es gegen die Sonne hielt und ihre Strahlen es durchfluteten, gab es den Menschen Kraft und frohen Mut und sie fühlten sich glücklich und zufrieden. Wenn man ganz genau durch das Marienglas hindurchschaut, dann kann man darin wenn man etwas  Glück hat und fest daran glaubt, einen winzigen tanzenden Zwerg sehen, der im Sonnenlicht tanzt und ein überglückliches Gesicht hat, weil er seinen Schatz mit den Menschen geteilt hat. Wo im Harz das passiert ist fragt ihr? Ach, das kann überall gewesen sein…

Der Ilmentilbs

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Der Ilmentilbs

Einst lebte in den Waldungen um Suderode ein gräuliches Wesen, dass man den Ilmentilbs nannte. Es war ein schreckliches Wesen, ein zottiges schwarzes großes Ungeheuer mit zwei großen Stoßzähnen und es war nicht ungefährlich die Wälder allein zu betreten oder sich darin gar zu verlaufen, denn sowie die Abenddämmerung eintrat, trieb der Ilmentilbs sein Unwesen. Er zerfurchte den Waldboden auf der Suche nach Nahrung, zerstampfte und zertrat alles was ihm in den Weg kam, doch wehe ein einsamer Wanderer kam des Wegs und überraschte den Ilmentilbs bei seiner Nahrungssuche. Dann blieb dem armen Wandersmann nichts anderes übrig als die Beine in die Hand zu nehmen und um sein Leben zu laufen. Denn gar schrecklich war der Zorn des Ilmentilbses, weil er manchmal einfach keine Eicheln finden konnte, welche er so gern fraß und weil er eben furchtbar hungrig war. Dann machte es ihm auch nichts aus, auch mal einen Menschen zu fressen, um seinen großen Hunger zu stillen. Schnaufend und grunzend verfolgte er den Wandersmann in wildem Galopp auf allen Vieren und nie hatte  je ein Wandersmann die Möglichkeit dem wilden Ungetüm zu entkommen.

Gar viele Wandersleute sollen so nie wieder aus dem Wald herausgekommen sein und man fand meistens nur noch ein paar abgenagte Knochen vor der Höhle des Ilmentilbses, die sich in der Nähe des Fischteiches befand, die von seinem Mahl übriggeblieben waren.

Groß war die Furcht der Menschen vor diesem Ungeheuer, auch wenn es noch niemand wirklich gesehen hatte. Es hieß immer nur: Nehmt euch in Acht vor dem Ilmentilbs, dass ihr ihm nicht begegnet, denn das bedeutet euren sicheren Tod. Doch niemand fand sich, der je den Mut gehabt hätte, dieses Untier in seiner Höhle zu überraschen und zu töten.

So gingen viele viele  Jahre ins Land, in denen die Menschen immer in Furcht vor dem im Walde hausenden Ilmentilbs lebten. Kaum noch ein Wanderer traute sich durch den Wald und die Wanderwege wucherten immer mehr zu. Und die Geschichte von dem bösen Ilmentilbs wurde von Generation zu Generation weitergegeben, bis – ja bis eines Tages ein Vater seinen beiden kleinen Töchtern die Geschichte von dem bösen Ungeheuer erzählte. Die beiden hätten so gern in dem schönen Wald herum getollt und gespielt, aber dort lebte ja der menschenfressende Ilmentilbs. Der Vater erzählte ihnen, dass der Ilmentilbs wohl viel lieber Eicheln fressen würde als Menschen, die Eichenbäume im Wald aber über die Jahre immer weniger geworden seien und der Ilmentilbs immer böser und gefräßiger.

Da schmiedeten die beiden kleinen Mädchen einen ganz mutigen Plan, sie konnten einfach nicht glauben, dass es so ein bösartiges Wesen wirklich geben konnte und dachten, dass es vielleicht nur hungrig sei. An einem sonnigen Herbsttag schlichen sich die beiden heimlich und ganz mutig in den Wald und suchten nach Eichenbäumen. Und tatsächlich entdeckten sie auch eine wunderschöne große Eiche und rings um die Eiche lagen überall Eicheln. Rasch sammelten sie so viel sie tragen konnten davon ein und liefen zur Höhle am Fischteich. Dort schütteten sie die Eicheln vor den Eingang und dann versteckten sie sich ganz schnell, denn ein wenig Angst hatten sie doch. Und wie sie da so hinter einem Busch hockten, zitternd vor Angst, da kam plötzlich aus der Höhle ein großes schwarzes zottiges Wesen heraus, es sah sehr traurig aus und schnüffelte mit einer Schnauze, die aussah wie ein Rüssel, erst in der Luft herum und dann am Boden. Die beiden kleinen Mädchen bekamen es erst einmal richtig mit der Angst zu tun, denn nun würde der Ilmentilbs sie wahrscheinlich gleich entdecken und auffressen.

Doch nichts von alledem geschah. Der vermeintliche böse Ilmentilbs schnüffelte mit seinem Rüssel am Boden entlang und entdeckte die Eicheln. Schmatzend und zufrieden grunzend machte er sich darüber her und legte sich nach der leckeren Mahlzeit direkt vor dem Gebüsch, hinter welchem sich die beiden Mädchen versteckt hatten nieder und ließ sich die Sonne auf sein Fell scheinen und machte ganz friedlich ein Nickerchen.

Die beiden Mädchen konnten nun den Ilmentilbs ganz von der Nähe betrachten und sie bemerkten, dass er fast so aussah wie die Schweine zu Hause im Stall, nur dass er eben ein schwarzes borstiges Fell hatte und nicht in einem Stall lebte sondern in der Wildnis des Harzwaldes um Suderode.

Die beiden kleinen Mädchen schlichen sich dann heimlich davon, um den Ilmentilbs nicht zu wecken und erzählten dann im Dorf was ihnen wiederfahren war und dass der Ilmentilbs eigentlich nur ein wildlebendes Schwein war. Seit diesem Tage gibt es in den Wäldern um Suderode keine Ilmentilbse mehr, sondern nur noch viele Wildschweine. Denn nach allem was die Menschen im Dorf von den beiden Mädchen erfahren hatten, entstanden bald die ersten Futterraufen im Wald und es wurden viele neue Eichenbäume gepflanzt, die man heute überall im Wald um Suderode finden kann. Die Wanderwege werden wieder benutzt, sie sehen freundlich und einladend aus und niemand hat mehr Angst vor dem schrecklichen Ilmentilbs.

Copyright by Silke Uhlmann/30.10.2015